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Verwerfen

/ Super Normal

Auch Fukasawa überführt eine bestehende Form, die man bislang ausschliesslich mit einem bestimmten Material (Holz) assoziiert hatte, in einen supernormalen Gegenstand, eben durch die neue, eigenwillige Materialwahl. Und genau hier wird der Unterschied zwischen dem normalen und dem supernormalen Produkt deutlich: Das Supernormale verweist auf das Normale – im Sinne eines formalästhetischen Zitats – ohne selbst „normal“ zu sein, sich also bloss tradierter Formen, Materialien oder Produktionstechniken zu bedienen. Es ist gerade die bewusste Distanz, die der supernormale Gegenstand zu seinen Vorläufern hält, die zum subtilen Signal werden kann. Morrisons Wasserkocher für Rowenta etwa ist seiner Form nach nichts anderes als ein elektrifizierter Krug – wir meinen ihn längst zu kennen aus allen alltäglichen Begegnungen mit Krügen, aus den Stillleben Morandis, wir können ihn intuitiv bedienen und seine mit Supernormalität gepaarte Anmut vermag selbst über seine technischen Schwächen hinwegzutrösten. (Rowenta produzierte ihn so schlampig, dass weder der Vorgang des An- noch der des automatischen Abschaltens jene Selbstverständlichkeit besitzt, mit der sich weit hässlichere Exemplare dieser Produktgattung immerhin schmücken können!)

Das tradierte Zeichenrepertoire westlicher wie asiatischer Formgebung, dies lernen wir von diesem Projekt, kann zum Wegweiser für heutige und künftiger Designer-Generationen werden, wenn nicht die vordergründige Adaption von Äusserlichkeiten ihr Handeln leitet. Mit rückwärtsgewandter Gestaltung hat all dies nichts zu tun. Jasper Morrison spricht vielmehr den „Verlust von Unschuld“ offen aus, der heutige Designer von den Handwerkern und Kunsthandwerkern früherer Jahrhunderte trennt. Jene fertigten Gegenstände des täglichen Bedarfs – einen Schöpflöffel, eine Axt, einen Sattel – ohne die Absicht, ihrer Persönlichkeit oder ihrer Zeit besonderen Ausdruck zu verleihen oder sich gar gegen Konkurrenzprodukte oder Plagiate zu behaupten. Morrison wie Fukasawa indes arbeiten für zahlreiche grosse, international agierende Unternehmen, ohne deren Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten kein Industrie-Design denkbar wäre. Fraglos sind sich beide der aktuellen Marktmechanismen, Marketingstrategien und Produktionsbedingungen bewusst: Auch das supernormale Design darf weder weltfern sein, noch sich Sentimentalitäten hingeben, sondern muss sich der heutigen Marktsituation selbstbewusst stellen – sonst bleibt es wirkungslos. Das Behaupten des Supernormalen wird aber nicht durch billige Tricks oder eine exaltierte Gestik erreicht. Sondern vielmehr auf dem Weg durchdachter Formen und Details, die ein Wissen um Traditionen und design-geschichtliche Vorläufer erkennen lassen. Neben anonymer Formgebung, beispielsweise dem Schweizer Rex-Schäler oder einer simplen Tragetasche aus Kunststoff, finden sich hier Design-Klassiker wie Max Bills Wanduhr für Junghans, das Regalsystem 606 von Dieter Rams oder Colombos Wecker Optic von 1970. Mit Produkten von Newson, Grcic, Van Severen oder den Bouroullec-Brüdern ist auch jene Generation vertreten, der Morrison und Fukasawa angehören. Dies ist also keine reine Feier des „gewöhnlichen Design“, wie es häufig von Ingenieuren verantwortet wird, und auch keine Verklärung eines bestimmten Jahrzehnts der Formgebung, einer bestimmten landestypischen Produktsprache – und auch die blosse Aktualität, Exklusivität oder Kostbarkeit der Produkte spielt hier keine Rolle. Das Phänomen des Supernormalen wird sozusagen über Zeit und Raum hinweg verortet, die Vergangenheit und die Gegenwart der Produktgestaltung weisen gleichermassen in eine Zukunft, die längst begonnen hat. Es geht beiden ganz offensichtlich auch nicht um Studien und utopische Modelle: Das Supernormale liegt bereits offen da, existiert im Hier und Jetzt, ist real und verfügbar. Wir müssen nur die Augen öffnen: Fukasawa und Morrison machen es für uns sichtbar.

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09 April 2008.